Türkei - Der Sonne entgegen
Auf dem ersten Rastplatz hinter der Bosporus-Brücke fahre ich raus, um die Kamera, mit der ich eigentlich die Einfahrt nach Asien festhalten wollte, wieder zu verstauen. Kurz bevor ich weiterfahren will, kommen zwei Trucker zu mir herüber und wollen ein bisschen Plaudern. Die Verständigung ist sehr schwierig, aber eine Einladung zum Kaffee höre ich heraus. Ihr LKW ist mit einer gut ausgestatteten Küche ausgerüstet, die sich in einer Stahlkiste unterhalb der Ladefläche befindet. Zum Nescafé holen die Beiden ihr Navigationsgerät hervor und ich soll zeigen wo ich gestartet bin. Leider kann ich das Gerät nicht bedienen, da es auf türkisch eingestellt ist, und so zeigen sie mir stattdessen ihre Lieblingsdestination, Monaco. Nach der zweiten Tasse Kaffee verabschiede ich mich auf meinen Weg weiter gen Osten. Etwa 100 Kilometer fahre ich auf der mautpflichtigen Autobahn in Richtung Ankara. Die Mindestgeschwindigkeit auf der Autobahn liegt bei 40 km/h. Eine Qualifikation, die ich erfüllen kann. In Izmit verlasse ich dann die Autobahn, um auf der parallelen Landstraße weiterzufahren. Diesmal werde ich an der Mautstation meine Münzen los und darf ohne Alarm passieren.
Am Sapanca-See entdecke ich erstmals seit langer Zeit wieder ein Campingplatz-Schild und freue mich schon, endlich mal wieder das Zelt aufschlagen zu können. Der Platz liegt idyllisch am See, abseits der Hauptstraße, sieht aber sehr verwaist aus. Die Belegschaft eines nahen Café bestätigt meine Vermutung: Der Campingplatz macht Winterpause.
Da ich heute morgen erst relativ spät vom Hostel gestartet bin und die Suche nach der Brückenzufahrt viel Zeit gekostet hat, beginnt es bereits nach ca. 150 Kilometern zu dämmern. In Adapazari hoffe ich ein günstiges Hotel zu finden. Ich kurve ein wenig durch die Stadt und finde den Busbahnhof. Hier gibt es aber keine Hotels. An einer Ampel fragen mich zwei Jungs in einem Auto neben mir nach dem Woher und Wohin. Noch vor der Grünphase kann ich meinerseits meine Hotel-Frage loswerden. Ich soll ihnen einfach folgen und es beginnt ein wilder Ritt durch die Stadt. Ich habe Mühe den Beiden zu folgen, aber schon nach kurzer Verfolgungsjagd halten wir direkt vor einem Hotel. Der Patron des Hotels ist ein steinalter Mann, der sich vor der Herberge, auf einem Stuhl sitzend, sonnt. Auf dem Weg von seinem Platz in der Sonne zum Rezeptions-Tresen muss ich ihn stützen. Auf das eigentlich obligatorische Zimmer-Begutachten verzichte ich heute wohl… .
Das Moped kann ich nach 23 Uhr in der hallenartigen Lobby des kleinen Hotels parken. Vorher gehe ich in die Stadt, um mir einen neuen Notizblock zu kaufen. Die Stadt verfügt über Unmengen an kleinen Geschäften und mehrere riesige Markthallen. Wie schon in Istanbul sind die Geschäfte hier alle thematisch geordnet und in verschiedenen Bereichen der Stadt oder Markthallen angesiedelt. So gibt es den Elektrobereich, den Lebensmittelbereich oder den Schuhbereich. Den größten Bereich, sowohl in den Markthallen, als auch draußen beanspruchen eindeutig die Textilien.
Irgendwann finde ich dann auch den Bücher- und Schreibbedarf-Bereich. In einem Laden stehe ich lange vor den Regalen und kann nicht entscheiden, was ich kaufen will. Macht ja nichts, dann wird erst mal Tee getrunken. Die Einladung nehme ich gerne an. Der Tee kommt per Markthallen-Teeboten und mit ihm trifft noch ein Freund des Hauses ein. Er spricht Englisch und wir unterhalten uns lange über die Türkei und das Reisen in Europa. Als ringsherum schon alle Geschäfte geschlossen haben, verlasse ich den Laden und kehre ins Hotel zurück. Hier habe ich ein bisschen Mühe mich bis zum Moped-Unterstellen wach zu halten und denke schon daran, es ausfallen zu lassen. Aber sicher ist sicher.
Am nächsten Morgen setze ich meine Fahrt erneut bei Sonnenschein fort. Von hier geht es zunächst in südliche Richtung. Später will ich dann auf einen süd-östlichen Kurs umschwenken. Die Route ist so gewählt, dass ich große Höhen nach Möglichkeit umgehe. Zum Einen sind Steigungen für die Schwalbe immer eine ziemliche Herausforderung und zum Anderen wird es umso kühler, je höher ich hinauf muss. Auf meiner Türkei-Karte, die ich in Istanbul erstanden habe, sind alle Ortschaften mit einer Höhenangabe versehen. Die Städte auf meiner Route liegen alle bei maximal knapp über 1.000 Metern.
Etwa eine Stunde nach Aufbruch beginne ich mit dem Bergsteigen. Innerhalb weniger Kilometer geht es erst auf 500 Meter und dann auf 730 Meter. Mein Tagesziel Kütahya liegt auf 949 Metern. Dort angekommen, habe ich die Türkische Hochebene erklommen. Von nun an bewege ich mich die nächsten Tage auf einer weiten Ebene in 1.000 Metern Höhe, ohne allzu große Höhenunterschiede überwinden zu müssen. Küthaya entpuppt sich als ziemlich große und lebendige Stadt. Die Straßen sind voller junger Menschen, in Küthaya ist eine der größten Universitäten des Landes angesiedelt. Inzwischen weiß ich, dass ich mich auf der Suche nach einfachen Hotels ins Zentrum orientieren und hierzu immer der Beschilderung in Richtung “Sehir Merkezi” folgen muss. Wegen der langsamen Bergetappen saß ich heute den ganzen Tag ohne große Pausen im Sattel und falle nach einem kurzen Besuch im Internet-Café todmüde ins Bett. Vorher kann ich aber das Moped noch in einem stillgelegten Imbiss neben dem Hotel unterstellen.
Der nächste morgen beginnt mit einer Wetteränderung. Die Sonne ist hinter dichten Wolken versteckt und es sieht nach Regen aus. Ohne die Sonne ist es ziemlich frisch und der Fahrtwind ist schneidend kalt. Nach einer Stunde auf dem Moped beginnt es zu regnen. Unter einem kümmerlichen Baum am Wegesrand ziehe ich meine Regensachen an. Nach einer Stunde Fahrt im Regen habe ich keine Lust mehr und suche mir in Afyon eine Herberge. Afyon verfügt über einige Thermalquellen außerhalb der Stadt, die weithin sichtbar von hohen Hoteltürmen flankiert werden. Ich halte mich aber an meine “Sehir-Merkezi-Strategie” und finde im Zentrum ein sehr günstiges Hotel, welches früher bestimmt einmal zu den ersten am Platze zählte. Es versprüht einen altmodisch-schicken Charme und verfügt über große, gemütliche Zimmer. Das Moped darf mal wieder mit rein und verbringt die Nacht vor dem Rezeptions-Tresen. Bis zum Abend verbringe ich die Zeit lesend im Bett. Die Burg hoch oben auf einem Berg über der Stadt betrachte ich nur aus der Ferne aus dem Hotelfenster. Gegen den Hunger gehe ich abends noch mal raus, kann mich aber bei dem großen Angebot nicht entscheiden und decke mich schließlich im Supermarkt mit abgepackter Fertigware ein. Selber Schuld.
Trotz der Sonne und der schon fortgeschrittenen Tageszeit ist der nächste Tag sehr kalt und ich habe wieder alle meine warmen Kleidungsstücke aus meinem Gepäck hervorgeholt. Unterwegs halte ich immer wieder an, um mich aufzuwärmen. Mittags esse ich in einem Truck-Stop an der Strecke. Das Essen ist unglaublich lecker und viel billiger als in der Stadt. Auch hier vergeht nicht viel Zeit bis zu einer Einladung zum Tee.
Abends erreiche ich Konya, mit über einer Million Einwohnern eine der größten Städte des Landes. Hier dauert es ziemlich lange bis ich ein Hotel gefunden habe. Obwohl es in etwa soviel kostet, wie die Hotels die Tage zuvor, ist es mit diesen nicht zu vergleichen. Kahle, fensterlose Räume, keine Duschen, kein Frühstück. Na ja, macht ja nichts. Und dass die Bauarbeiten im angrenzenden Gebäude bis Nachts um drei andauern kann ja keiner ahnen.
Der morgendliche Tee ist mir zur liebgewonnenen Gewohnheit geworden und so beginne ich den Tag in der nächsten Teestube. Die Teestube ist gut besucht und die Belegschaft hat alle Hände voll zu tun. Von hier aus starten auch die Tee-Boten und schwirren in die umliegenden Geschäfte und Büros aus. Die Kundschaft in der Teestube dagegen hat scheinbar nicht ganz so viel zu tun. Geschlossen verfolgen Sie später, wie ich die Schwalbe aus dem Friseursalon hole, in dem ich sie über Nacht parken durfte und vor der Tür bepacke und reisefertig mache. Dabei wird gestenreich diskutiert, geflachst und viel gelacht.
Von Konya aus muss ich jetzt noch über die westlichen Ausläufer des Taurus-Gebirge, dann geht es nur noch bergab bis zum Mittelmeer. Auf dem steilen Anstieg zum 1.650 Meter hohen Sertavul-Pass geht die Schwalbe immer wieder aus. Bei der Schräglage des Mopeds läuft nicht ausreichend Benzin in den Vergaser nach, um die hohen Drehzahlen im ersten Gang zu versorgen. Immer wieder drehe ich den Schnabel der Schwalbe hangabwärts, um dann wieder für ein paar hundert Meter durchstarten zu können. Da hilft nur nachtanken. Mit vollem Tank bekommt die Schwalbe auch bergauf immer genug zu trinken.
Oben auf dem Pass ist es trotz der Sonne richtig kalt und der Wind weht eisig. Nun geht es bergab und im Schnelldurchlauf durch eine atemberaubende und wechselhafte Landschaft. Es beginnt in einer kargen Steppe, wechselt in eine schroffe Berglandschaft, geht dann durch hügelige Kiefernwälder und endet in einer wüstenähnlichen Umgebung. Und das beste: Mit jedem Meter abwärts wird es merklich wärmer. Kurz vor der Stadt Mut, die auf 275 Metern liegt, ist es richtig heiß und der Fahrtwind warm, wie ein Fön. Ich komme an einer Tankstelle mit angeschlossenem Hotel vorbei und verspüre den Wunsch hier zu bleiben und den Nachmittag in der Sonne zu verdösen. Das Hotel ist ziemlich nobel und präsentiert auf einer großen Leuchtreklame seine drei Sterne. Da aber überhaupt nichts los ist und ich an diesem frühen Nachmittag der einzige Gast bin, bekomme ich das Zimmer zum halben Preis. Hotel und Tankstelle sind weithin die einzigen Gebäude in dieser kargen Landchaft. Jede Stunde erwacht die Tankstelle mit angeschlossenem Imbiss und Kiosk aus einem Tiefschlaf. Die Busse, die aus Adana und Mersin nach Ankara fahren, machen hier Station. Die Kellner im Imbiss servieren dann Käsetoast und Tee im Akkord und der Kiosk verkauft Chips und Kekse tütenweise. Eine halbe Stunde und zwei sehr eindringliche Lautsprecherdurchsagen später ist der Spuk dann wieder vorbei. Das kleine Fleckchen Erde versinkt wieder in einen Dämmerzustand.
Am nächsten Tag ist es schon am frühen Morgen heiß. Im Gegensatz zu den letzten Tagen, bin ich nun viel zu warm angezogen. Habe ich die letzten Tage immer wieder ausgedehnte Pausen gemacht, um mich aufzuwärmen, so steige ich jetzt schon nach kurzen Pausen wieder auf den Bock, um ein wenig vom Fahrtwind gekühlt zu werden. Das Fahren ist bei diesem Wetter viel angenehmer, nicht so ermüdend. Man sitzt viel entspannter auf dem Moped und versucht nicht permanent durch angespannte Schultern den Wind aus dem Jackenkragen fern zu halten. Pünktlich zu den Mittagskeksen parke ich die Schwalbe am Strand bei Silifke.
31. Tag
Adapazari - Küthaya
32. Tag
Küthaya - Afyon
33. Tag
Afyon - Konya
34. Tag
Konya - Mut
35. Tag
Mut - Mersin







6 Kommentare bisher, Kommentar hinterlassen?
Anneke
Hallo Florian,
und ganz besonders für diesen wünsche ich dir viel Erfolg!!! Vor allem an den Grenzen und Straßensperren. Ich hoffe du hast ein par US Dollar dabei? Ich konnte mir z.B. die Victoriafälle nicht angucken, da mir an den Grenzen schon sämtliche Dollar abgeknüpft wurden…und vorsicht: Korruption…überall….leider.
jeden Tag gucke ich auf diese Seite und erhoffe mir neue Berichte.
Ganz besonders gespannt bin ich natürlich auf den afrikanischen Kontinent
Ach und noch was: Meide irgendwelche politischen Äußerungen vor allem in den Ländern rund um den Caprivistreifen…Tolle Tipps was?!
Du kriegst das sicherlich genauso gut hin wie auch bisher!
Das mit der nicht bezahlten Maut kommt mir irgendwie bekannt vor
Weiterhin gute Fahrt!
Gruß Anneke
24. Oktober 2008
Dietmar
Hallo Florian,
ich lese deine Reiseberichte mit großem Interesse und freue mich das du so gut voran kommst. Ich wünsch dir weiterhin eine Pannen- und Unfallfreie fahrt.
Gruß aus Norderstedt
Dietmar
24. Oktober 2008
Uwe Schäfer
Hallo Florian,
scheint ja jetzt zu klappen mit der Simme.
Das mit dem kaputten Lager finde ich schade, hätte aber bei einer Generalüberholung vor Antritt der Fahrt durch eines neues Lager ersetzt werden können.
Hoffentlich geht es weiter wie bisher, ohne größere Pannen oder andere Schädigungen.
Halt die Ohren steif…
Ach so, freue mich schon auf Deine Afrika-Berichte. Ich war in diesem Jahr im Großraum von Durban…sehr schön…. und dann immer die N2 runter nach Kapstadt.
Gruß Uwe/24.10.2008
24. Oktober 2008
broti
Hey Florian,
als erstes besorge ich mir gleich morgen früh eine Packung Apfel-Tee!
Weisst Du was? Ich saß heute über der Europa-Karte und dachte über zwei Wochen im Frühjahr nach, die ich mit meiner Triumph eigentlich jedes Jahr unterwegs bin. Naja, ich schaue da so Richtung Seealpen, vielleicht Korsika - und dann schäme ich mich fast schon wie bettnässrig das so klingt. Vielleicht ja auch noch mit Autozug, der Herr…
Naja. Vielleicht sollte ich den Trend aufgreifen und mit meiner Vespa Boxer fahren. Timmendorf oder so…
Mit dem Mofa bis in die Südtürkei… hihi. Du bist verrückt! Geil!
Und jetzt ab nach Syrien! Mach´s gut - und, hey, Du bist ein guter Autor, es liest sich wunderbar mit!
Take care,
Peter
25. Oktober 2008
broti
Florian,
bleib bloß auf der Westseite von Syrien, lese gerade über die verblödeten Amis, die mit ihren Kampfhubschraubern an der Syrisch-Irakischen Grenze auf Zivilisten ballern.
Peace!
27. Oktober 2008
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