Über Gonder zum Lake Tana
Nur wenige Kilometer hinter Shehedi beginnt der Aufstieg ins äthiopische Hochland. Schlechte Piste und steile Berge in Kombination stellen eine neue Herausforderung für die Schwalbe dar. Im Schritttempo klettere ich die Berge hoch und muss aufpassen, keine großen Steine auf der Piste zu treffen. Das würde die Schwalbe am Berg sofort zum Stehen bringen. An einem besonders steilen Stück nähere ich mich langsam einem LKW. Auf der Pritsche des Lasters stehen dichtgedrängt Menschen, und schaukeln rhythmisch im Takt der Bodenwellen. Zum überholen bin ich zu langsam und versuche mich abwechselnd links oder rechts der dichten Staubfahne des LKWs zu halten. Als mich der Fahrer im Rückspiegel entdeckt, fährt er ein bisschen zur Seite und fordert mich zum überholen auf. Leichter gesagt als getan. Mit den letzten Schwalbe-Reserven quäle ich mich weiter heran. Auf Höhe des LKWs gebe ich der Schwalbe die imaginäre Peitsche und ernte für diese kleine Einlage prompt tosenden Szenenapplaus von der Ladefläche.
Die Landschaft ist überwiegend sattgrün. Zumindest kommt es mir nach den vielen tausend Wüstenkilometern so vor. Überall sind Menschen auf den Feldern. Meist sind sie damit beschäftigt, auf allen Vieren hockend mit Sicheln die Felder abzuernten. Auffällig junge Kinder sind mit Rinderherden oder Eseln auf der Straße unterwegs. Jeder grüßt freundlich und die Kinder winken und laufen ein Stück mit mir mit. In den Dörfern rufen mir dann vor allem die kleineren Kinder das vielbeschriebene “Youyouyouyou. Money.” hinterher.
Die Zeit scheint hier vor hundert Jahren stehen geblieben zu sein. Die Menschen leben in einfachen runden Holzhütten mit Strohdächern, tragen einfache Tücher, benutzen einfache Werkzeuge. Und kommen einem Frauen von den Brunnen mal nicht mit den bunten Plastikkanistern, sondern mit großen, schweren Tonkrügen entgegen, ist die vermeintliche Illusion perfekt. Häufig muss ich an die Freilicht-Museen in Deutschland und anderswo denken. Dort bekommt man das Leben einer vergangenen Zeit vorgespielt und Besucher und Schauspieler (oder sind es Museums-Pädagogen?) steigen Abends in ihre Autos und fahren zurück in ihre Gegenwart. Das hier ist die Gegenwart. Ich komme mir ein bisschen wie ein Eindringling in den beschwerlichen Alltag dieser Menschen vor, wenn ich langsam und staunend durch die Dörfer fahre. Den Fotoapparat lasse ich hier meist in der Tasche. Ich will den Eindruck einer „Human-Safari“ nicht noch weiter verstärken.
Etwa 50 Kilometer vor Gonder beginnt dann die Teerstraße. Ich bin froh, die Piste erst einmal hinter mir lassen zu können. Durch die vielen großen Steine auf der Schotterpiste ist das Fahren hier viel anstrengender, als auf den Sandpisten im Sudan. Kurz vor Gonder bauen sich dann dicke Gewitterwolken am Himmel auf. Regenwolken habe ich schon seit Jordanien nicht mehr gesehen. Abends in Gonder fällt erst ein heftiger Schauer und kurz darauf der Strom für mehrere Stunden aus. Dass das aber nichts miteinander zu tun hat, werde ich noch an vielen anderen, regenfreien Abenden mitbekommen.
Sobald man in Gonder als “Ferenji” (Foreigner) die Straße betritt, wird man von Jugendlichen belagert, die alle ihre Dienste als Fremdenführer oder Insider für irgendwas anbieten. Nachdem ich mir von Zweien einen günstigen Ort zum Essen zeigen lasse, weichen diese die nächsten zwei Tage nicht mehr von meiner Seite. Als Fremdenführer haben sie aber auch so einiges zu bieten. Gemeinsam klappern wir sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt ab und genießen eine traditionelle Kaffeezeremonie in einer vielköpfigen Familie. Zum Tetsch (Honig-Wein) trinken geht es in verwinkelte Gassen und zum Khat-Kauen in winzige Ein-Zimmer Kneipen. Alleine hätte ich das alles nie gefunden. Nur Abends kann ich mich zum Fußball-Gucken von meinen Fremdenführern loseisen. Die Beiden gehören zu den wenigen männlichen Afrikanern, die sich nichts aus ManU, Chelsea oder Arsenal machen.
Beim Fußball bietet sich endlich mal die Gelegenheit ungezwungen mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Ich lerne Molalign kennen, der Soziologie studiert. Wir unterhalten uns lange und er erzählt viel über das Leben in Äthiopien. Er ist in einem kleinen Dorf in den Simen-Mountains im Norden aufgewachsen und pendelt häufig zu seiner Familie - von einer Gegenwart zurück in eine ganz Andere.
Nach zwei Tagen fahre ich weiter zum Lake Tana. Auf dem Weg nach Süden aus der Stadt klappere ich alle Tankstellen ab. Überall das Selbe: “No Petrol”. Immerhin finde ich an einer Tankstelle gutes Zweitakt-Öl in versiegelten Flaschen. Wenigstens muss ich mir hier keine Sorge um schlechtes Öl aus zweifelhaften Fässern zu machen. Mit meinem Benzin im Tank komme ich höchstens noch 100 Kilometer weit. Als es auch an der nächsten Tankstelle 30 Kilometer hinter Gonder wieder heißt “No Petrol”, drehe ich um und fahre wieder zurück nach Gonder. Wenn es irgendwann wieder Benzin geben sollte, dann wohl am ehesten hier.
Auf dem Rückweg laufe ich wieder alle Tankstellen an, aber noch immer gibt es keinen Benzin-Nachschub. Ein Tankwart erzählt, er hätte gehört, an einer Tankstelle im Zentrum gäbe es noch welches. Als ich auch im Zentrum alle Tankstellen durch habe und schon wieder zurück ins Hotel fahren will, frage ich einen Tuc-Tuc Fahrer nach Sprit. Er hat gerade getankt und weiß von einer Tankstelle im Norden der Stadt zu berichten. Er ist sich sicher: Die hat Benzin.
Nach dreistündiger Benzinsuche kann ich hier tatsächlich auftanken und mache ich mich endlich auf den Weg zum Lake Tana. In Bahir Dar laufe ich ein Hotel direkt am See an, auf dessen Grundstück man auch zelten kann. Zu meiner Überraschung treffe ich hier auf die Gruppe Overlander, mit denen ich gemeinsam in den Sudan eingereist bin. Die Gruppe hat einen ausgedehnten Abstecher nach Lalibela gemacht und will morgen früh weiter nach Addis. Nachdem sie mir von dem Zustand der Piste nach Lalibela berichten, verabschiede ich mich von dem Gedanken, dort mit dem Moped hinzufahren. Ein Bus-Ausflug ist ja auch mal nicht schlecht.
Am nächsten Tag treffe ich ein italienisches Pärchen im Hotel, die ebenfalls vorhaben mit dem Bus nach Lalibela zu fahren. Wir verabreden uns, abends gemeinsam den Bus ausfindig zu machen und dann am nächsten Tag los zufahren. Am Nachmittag rumort mein Magen und bereits am Abend bin ich schachmatt. Ich muss den Trip mit den Beiden absagen und verschlafe die nächsten zwei Tage komplett in meinem Zelt. Die Magenverstimmung raubt mir jegliche Energie. Ich bleibe noch zwei weitere Tage und verbringe die Zeit mit Faulenzen und Lesen. Mit meinem Ost-Afrika Reiseführer tröste ich mich über den verpassten Lalibela-Ausflug hinweg. Den könnte ich zwar noch nachholen, aber für zwei Tage Busfahren auf einer Rumpelpiste fehlt mir einfach noch die Energie.
86. Tag
Shehedi - Gonder
87. - 88. Tag
Gonder
89. Tag
Gonder - Bahir Dar
90. - 95. Tag
Bahir Dar
Auf dem Weg nach Addis Abeba »







5 Kommentare bisher, Kommentar hinterlassen?
GGIR
So liebe Freunde, nach dem Lesen bleibt am Computer und unterstützt
mit Eurem Einstieg die gute Sache für Uganda. Meldet Euch an bei Amazee für das Projekt Slow-Way-Down.
Die Menschen in Uganda werden es danken.
GGIR
8. Januar 2009
Björn
Hey,
ich wünsche dir so schnell wie möglich wieder gute besserung, dass du deine fehlende Energie wiederbekommst das es bald weiter gehen kann :-)..
lg Björn.
8. Januar 2009
Broti
Ich hatte das ja schon beim Nil-Wasser befürchtet…
Aber das ist ja inzwischen ein paar Tage her und sicherlich bist Du schon wieder auf dem Dampfer… äh, Schwalbe. Hoffe, Deine Fahrt geht immer noch gut und pannenfrei voran. Genieß bloß das gute Wetter - ich schaue während ich das hier schreibe auf die mit Eisklumpen komplett bedeckte Elbe… schon ein kalter Winter geworden.
Liebe Grüße,
Peter
9. Januar 2009
Broti
Apropos:
Der Spiegel zeig ein Sat-Photo von Syrien, da hat´s auch flächendeckend geschneit:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,grossbild-1400479-600390,00.html
9. Januar 2009
Gerste
Moin , moin …
… hab mich mal dazu durchgerungen auch ein “Unterstützer” zu
werden . Hat mich 3 Minuten meines Lebens gekostet !!!
Weiterhin Hals und Beinbruch …
Mfg. Martin
10. Januar 2009
Kommentar hinterlassen zu “Über Gonder zum Lake Tana”