slowwaydown.com - Mit dem Moped von Hamburg nach Kapstadt

Zu Besuch bei Plan in Uganda

Die ugandische Grenze erreiche ich in etwas mehr als vier Stunden. Obwohl die Abfertigung am Zoll recht schnell geht, brauche ich für den Grenzübertritt letztendlich doch 90 Minuten. Dann sind es nur noch wenige Kilometer bis nach Tororo. Je näher ich dem Plan-Office komme, desto mehr denke ich darüber nach, was mich wohl erwarten wird. Auf den zurückliegenden mehr als 10.000 Kilometern hatte ich häufig die Gelegenheit, mich mit anderen Menschen -hauptsächlich Reisenden- über das Für und Wider von Entwicklungshilfe auszutauchen. Dabei habe ich viele kritische Stimmen gehört und einigen Unmut wahrgenommen. Ist das Ganze nicht bloß ein Business, von dem die Geber letztendlich am meisten profitieren? Ich beschließe, mir einfach alles in Ruhe anzuschauen, mir eine eigene Meinung zu bilden und meinen Eindruck hier ehrlich wiederzugeben.

Tororo ereiche ich am frühen Abend und schlage mein Zelt zunächst im Garten eines ziemlich noblen Hotels auf. Laut Reiseführer ist es der einzige Ort in der ganzen Stadt, an dem man zelten kann. Neben einer heißen Dusche, gibt es hier sogar Internet via W-LAN. Ostafrika – wie immer voller Gegensätze. Am Dienstagmorgen nehme ich mir dann ein Boda-Boda Motorrad-Taxi zum Plan-Office. Bei Plan empfängt mich Alex der „Program Area Manager“ und es folgt eine ausführliche Einführung in die Arbeit von Plan in Uganda und das Projekt in Mukujju. Für die Zeit meines Aufenthalts wird sich der Sozialarbeiter Milton um mich kümmern. Milton ist fast seit Beginn des Projekts vor fünf Jahren mit dabei und kennt die Arbeit hier vor Ort in- und auswendig. Nach einer kurzen Runde durch die einzelnen Abteilungen im Tororo-Office fahren wir auch gleich raus nach Mukujju, einige Kilometer vor den Toren Tororos. Hier befindet sich das Health-Center IV.

Eines der größten Probleme in der Gesundheitsversorgung in Uganda scheinen Distanzen und Transport zu sein. Die Städte sind häufig mit Krankenhäusern ausgestattet, nur für ein Großteil der Bevölkerung auf dem Land sind sie unerreichbar. Distanzen von wenigen Kilometern bedeuten hier meist eine Tagesreise. Eine Möglichkeit, der Bevölkerung den Zugang zum Gesundheitssystem zu gewährleisten, wäre es, „Public Transport“ zur Verfügung zu stellen. Aber das ist utopisch. In weiten Teilen gibt es nicht einmal Straßen. Die einzig vernünftige Herangehensweise ist es, die Versorgung stattdessen zu den Menschen zu bringen. Diesen Weg hat das Plan Projekt im Mukujju Subcounty eingeschlagen. Im Programm-Gebiet gibt es mehrere Gesundheitsstationen der Kategorie I bis III und das Health-Center IV in Mukujju. Ziel ist es nun, nach und nach immer mehr Leistungen auf die Stationen „runter“ zu verteilen und so die Wege erheblich zu verkürzen. Die Behandlung von HIV/Aids ist zunächst auf Ebene IV angekommen.

Das Besondere in Mukujju ist, das hier ein Schwerpunkt auf der sogenannten „PMTCT“ (Prevention of Mother To Child Transmission) liegt, also der Aids-Prävention bei Neugeborenen. Dazu gehören neben der medizinischen Betreuung der Mutter vor der Geburt und der Versorgung von Mutter und Kind bei der Geburt auch Aufklärung. Insbesondere Gesundheitsaufklärung und Programme, um die elterliche Versorgungs-Fähigkeit der Kinder auch auf lange Sicht sicher zu stellen.

Das Health-Center IV in Mukujju ist die zentrale Aids-Anlaufstelle der Region. Im Health-Center IV gibt es kein CD4-Analysegerät. Erst nach einer CD4-Analyse kann eine Therapie bei Aids-Patienten begonnen werden. Anfänglich wird die Analyse alle zwei Monate wiederholt, später dann alle sechs. Die in Mukujju genommenen Proben, werden alle drei Tage ins 60 Kilometer entfernte Mbale gefahren. Das verursacht Transportkosten, Personalkosten und bindet Ressourcen, die anderweitig eingesetzt werden könnten. Und es kann die Qualität der Ergebnisse beeinträchtigen. Für die Menschen bedeutet dies, dass sie im Normalfall nach Entnahme der Probe noch ein zweites Mal für die Ergebnisse zurück kommen müssen. Dann erst können die Medikamente dosiert werden. Die Patienten sind, vor allem zu Beginn der Therapie meist stark geschwächt und legen den Weg überwiegend zu Fuß zurück. Ist die Probe dann in der Qualität verfälscht und nicht mehr brauchbar, machen sie den Weg sogar und ein drittes und viertes Mal. Jedes Mal sind sie einen vollen Tag unterwegs.

Der überwiegende Teile der Bevölkerung in dieser Gegend lebt von der Selbstversorger-Landwirtschaft. Als Aids-Patienten fallen diese Leute für die Familien-Versorgung eh sehr häufig aus. Sind auch Kinder infiziert, müssen diese bei dem selben Prozedere begleitet werden. Die Patienten, die mit den Medikamenten versorgt sind, können in den meisten Fällen wieder die Rolle des Familienversorgers ausfüllen. Aber dafür müssen die Medikamente für die Therapie richtig eingestellt sein.

Ein Ziel von Entwicklungshilfe muss auf lange Sicht sein, sich selbst überflüssig zu machen. Irgendwann muss es möglich sein, die Versorgung auf eigene Füße zu stellen, und das Projekt voll und ganz einem Träger im Land zu übergeben. Im Gesundheitsbereich wird dies wohl der Staat sein. Die Aussichten einer solchen Übergabe sind um so besser, je geringer die laufenden Kosten ausfallen. Ein CD4-Analysegerät für Mukujju trägt erheblich zur Kostenverringerung bei und kann auf diese Weise einen großen Beitrag für die Nachhaltigkeit der Aids-Versorgung in der Region leisten.

Neben der medizinischen Versorgung im Allgemeinen und der Versorgung der HIV/Aids-Patienten im Besonderen beinhaltet das Projekt eine ganze Reihe weiterer Angebote für Aids-Patienten. Ziel ist es, die Einschränkungen, die die Krankheit mit sich bringt, für die Patienten und ihre Angehörigen so gering, wie möglich zu halten. Hierzu zählt der Abbau von Vorurteilen gegenüber der Immunschwäche und der von ihr betroffenen Menschen. In sogenannten „Post-Testclubs“ treffen sich positiv, wie negativ Getestete für gemeinsame Aktivitäten. Neben der sozialen Komponente des Zusammenkommens haben die Clubs für die Teilnehmer auch einen ganz praktischen Nutzen. So bieten sich ihnen hier zahlreiche  Möglichkeiten, sich weiterzubilden. Beliebt sind auch die „Savings-Club“. In diesen Clubs sparen die Mitglieder gemeinsam Geld an und verleihen es gegen einen geringen Zins untereinander. Banken sind weit weg und verlangen in den meisten Fällen absurd hohe Zinsen und Sicherheiten, die gerade für HIV/Aids-Patienten in der Regel nicht zu erfüllen sind. Nötige Investitionen, wie Saatgut zu kaufen oder eine Ziege anzuschaffen, können so unkompliziert und einfach durchgeführt werden. Am Ende bekommt jeder seine Einlage verzinst wieder ausbezahlt.

Im Plan Programmgebiet leben 30.000 Menschen mit dem Virus. Auf unseren Fahrten durch die Gemeinde wird das Ausmaß erst richtig deutlich. Fast an jedem zweiten Haus oder Hof an dem wir vorbeifahren  macht Milton eine kurze Geste und bedeutet mir, dass hier Klienten von ihm wohnen. Hinzu kommen viele weitere Haushalte in denen Menschen leben, die noch Hemmungen haben, sich testen zu lassen. Zu groß ist die Angst vor dem Ergebnis.

Im Laufe der Zeit besuche ich mit Milton zahlreiche betroffene Familien im Projekt-Gebiet und erfahre viel über die ganz persönlichen Schicksale hinter der Statistik. Meist sind es die Frauen, die die Initiative übernehmen und sich testen lassen. Danach spielen sie eine wichtige Rolle dabei, andere Menschen aus der Community und natürlich die eigenen Ehemänner von der Notwendigkeit eines Tests zu überzeugen. Hierbei werden sie von den Sozialarbeitern ermutigt und unterstützt. Für mich sind diese Begegnungen nicht immer einfach. Jede Aids-Geschichte ist eine persönliche Tragödie. Die Auswirkungen für die Betroffenen und ihre Familien sind drastisch, die vielen Familien-Geschichten in dieser Häufigkeit nicht einfach zu verdauen. Aber Milton geht bei unseren Besuchen immer sehr einfühlsam mit den Menschen um. Er hat einen guten Draht zu seinen Klienten aufgebaut. Meine Berührungsängste kann er ein bisschen nachvollziehen, aber letztendlich hat er Recht, wenn er sagt: „AIDS is actually happening. Let’s face it, that’s the reality.”

Bei den vielen Gesprächen mit den Menschen, fällt immer wieder auf, wie viele HIV-Positive Mütter Kinder zur Welt bringen, die frei vom Virus sind. Ein Ergebnis der PMTCT-Ausrichtung der Geburtsstationen in Mukujju. Mehrere Generationen sind hier bisher schon von HIV/Aids betroffen. Dieses Projekt hilft, eine Weitere vor der Katastrophe zu bewahren.

Inzwischen bin ich ins Plan-Office umgezogen und habe meine Isomatte in einem leer stehenden Büro ausgerollt. Hier bekomme ich auch mit, wie motiviert die Mitarbeiter sind. Bis spät Abends brennt in den Büros noch Licht und auch am Wochenende sieht man viele der Plan-Mitarbeiter auf dem Gelände. Auch Milton ist für seine Klienten immer erreichbar. An einem Sonntag lädt er mich ein, ihn auf seine Abschlussfeier zu begleiten. Er hat neben seiner Arbeit bei Plan seinen Master an der Universität in Mbale gemacht und soll nun sein Abschlusszertifikat bekommen. Zwischen dem offiziellen Foto, der Zeremonie und der Verleihung der Urkunde, findet er auch an diesem Tag immer wieder die Zeit, Anrufe seiner Klienten aus Mukujju zu beantworten.

Beim Besuch eines Health-Center der Kategorie II wird deutlich, mit welchen Widrigkeiten die Mitarbeiter hier häufig zu kämpfen haben. Obwohl die ganze Station auf Elektrizität ausgerichtet, und an eine Überlandleitung angeschlossen ist, bleiben die Lampen dunkel. Die staatliche Hochspannungsleitung hat bisher einfach noch keinen Strom ausgespuckt. Nach Einbruch der Dunkelheit werden die Geburten mit dem Licht zweier Petroleumlampen durchgeführt. Meist bringt die Hebamme dann auch noch ihre eigene Laterne von zu Hause mit. Trotzdem verlassen auch hier die Kinder von HIV-positiven Müttern in den meisten Fällen die Geburtsstation ohne den Virus.

Am Ende meines Besuches treffe ich in Tororo auf Dr. Hans Schönfelder. Das Vorstandsmitglied von Plan in Deutschland besucht neben einigen anderen Projekten in der Region auch das Health-Center in Mukujju. Als alter Hase in der Entwicklungshilfe, hat er in unterschiedlichen Funktionen schon viele Projekte gesehen und begleitet. Dennoch zeigt er sich -nicht nur von Amtswegen- überwältigt von der umfassenden Wirkungsweise dieses Projektes. Auch er ist überzeugt: Das Konzept ist ausgereift. Die Hilfe wirkt.

Der Besuch in Mukujju hat mich wirklich beeindruckt. In den etwas mehr als zwei Wochen in Tororo/Mukujju konnte ich einen guten Einblick in die Arbeit von Plan vor Ort bekommen. Ich konnte mir in Ruhe alle Einrichtungen rund um die HIV/Aids-Behandlung und -Prävention anschauen und die tägliche Arbeit des „Staff“ begleiten. Bei den vielen Begegnungen und den Gesprächen mit Menschen aus dem Programm-Gebiet höre ich immer wieder, wie Dankbar die Menschen für die Unterstützung sind. Sie verdanken dem Engagement von Plan eine große Erleichterung ihrer schwierigen Lebensumstände - und in nicht wenigen Fällen auch ihr Leben. Ich habe das Gefühl, dass bei der Konzeption dieses Projekts über den Tellerrand geschaut wurde und in der Umsetzung versucht wird, der Bedrohung durch HIV/Aids auf ganzer Linie zu begegnen.

Der Besuch hier in Tororo/Mukujju hat mich überzeugt. Ich bin mir Sicher, dass das benötigte CD4-Analysegerät tatsächlich eine grundlegende Unterstützung darstellt. Es hilft dem medizinischen Personal in seiner Arbeit und es ist eine große Erleichterung für die Patienten selbst.

Ich bin froh, dass ich mir selbst ein Bild machen konnte. Ich bin ehrlich überzeugt.

Jetzt Spenden!

142. – 159. Tag
Tororo



RSS Feed Abonnieren
 
« Kenia

 
 

5 Kommentare bisher, Kommentar hinterlassen?

  1. Frosti0070

    Endlich kommt das Spendenprojekt auch mal soo RICHTIG
    zur ansprache !! Ich werde Spenden .
    Danke für dein Bericht und Danke für Deine vielen Eindrücke die du
    uns Geschenkt hast .

    grüsse aus Bielefeld

  2. basti

    Flo, ich danke dir für deinen ausfühlichen Vorort- Bericht.
    Ich bin nachhaltig beeindruckt und fühle mich darin bestätigt, das richtige getan zu haben und für das Projekt bzw. das so wichtige Analysegerät gespendet zu haben!
    Viele Grüße aus der Meise!
    b& j & MC

  3. jörg

    ich verfolge seit anfang die reise und denke es ist eine sehr gute sache ein bisschen dankbarkeit finanziell ausdruck zu geben. may all beings be happy. jörg

  4. Carsten

    Hallo,
    eigentlich hatte ich wieder gespannt einem weiteren Reisebericht entgegengefiedert.
    Allerdings ist es nicht minder wichtig und interessant, auch mal einen Vor-Ort-Bericht zum Stand von Entwicklungsaktivitäten zu lesen und zu sehen. Insofern hält sich meine “Enttäuschung” in Grenzen. Und mein Respekt vor Deinem Projekt ist umso mehr gestiegen.
    Weiterhin alles Gute!
    Gruß aus Berlin-Brandenburg
    Carsten

  5. Broti

    Du hast das Ziel Deiner Reise erreicht, auch wenn Kapstadt noch weit entfernt ist.

Kommentar hinterlassen zu “Zu Besuch bei Plan in Uganda”

Helfen mit Plan

Ein CD4-Analysegerät für Mukujju

Kurz Updates

via Twitter