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“Motorszerviz” in Ungarn

Zu den kontinentalen Frühstücksstullen im Hotel Nové Zámky gibt es Kaffee und das MTV Morgenprogramm. Das Wetter hat sich ein wenig gebessert und der Regen fällt seltener und dann auch nur noch leicht. In Regenbekleidung steige ich wieder aufs Krad. Nach knapp einer Stunde Fahrt ist die Grenze zu Ungarn erreicht. Nach Budapest muss ich nun nur noch der Donau folgen. In Tata kommt die Sonne hervor und der Rest des Tages scheint vielversprechend. Vielleicht wird es ja auch ein bisschen wärmer.

Als ich in einem kleinen Restaurant Spaghetti-Bolognese esse und mich über den sonnigen Tag freue, ziehen wieder Wolken auf. Die letzten 30 Kilometer bis nach Budapest begleiten mich immer wieder heftige Regenfälle. In einigen Dörfern durch die ich fahre, steht das Wasser knöcheltief auf der Straße. Jeder LKW der entgegen kommt, bedeutet eine zusätzliche Dusche. Die Schwalbe rennt tapfer, aber die Geräusche sind bedenklich. Vögel am Straßenrand bleiben seelenruhig sitzen wenn schwere LKW vorbeirauschen, nehmen aber schnell Reißaus, sobald ich mich mit der pfeifenden Schwalbe nähere. Je weiter ich mich Ungarns Hauptstadt nähere, desto dichter wird der Verkehr. Über die Margaretenbrücke in der Stadt, geht es dann nur noch im Schritttempo. Budapest erstickt in einer Blechlawine.

Ich hoffe das Hostel wiederzufinden, dass ich von früheren Budapest-Besuchen kenne und kurve durch die Stadt. Immer wieder werde ich von den zahlreichen Moped-Kurieren angesprochen. Sie alle kennen die Simson und sind ganz begeistert von dieser Reiseschwalbe. Als ich nach knapp einer Stunde Suchen im dichten Verkehr aufgeben will, kommen mir einige Straßen doch noch bekannt vor. Kurze Zeit später parke ich im strömenden Regen die Schwalbe. Aber schon beim ersten Blick in das Gebäude ist klar, dass das Hostel hier wohl nicht mehr existiert. Was damals die Hostel-Rezeption war, ist nun eine Art Pförtnerhäuschen. In ihm sitzt eine resolute Madame die nur Personen das Edelstahl-Drehkreuz passieren lässt, die ihr einen Lichtbildausweis präsentieren. Das Hostel ist nun ein Studentenwohnheim. Kurz hege ich die Hoffnung auf eine Unterkunft, wie ich sie in Brno genießen durfte. Aber ich glaube die Dame am Drehkreuz spielt da nicht mit.

In einem Internetcafé in der Nähe notiere ich mir die Adressen einiger anderer Unterkünfte. Die Erste finde ich auf Anhieb und sichere mir ein Bett für eine Nacht. Auf Rat der Hostel-Belegschaft suche ich mir eine bewachte Parkmöglichkeit für das Moped. Das erste Parkhaus erlaubt keine Zweiräder, das zweite ist das Parkhaus des Radisson Hotel. Der Parkwächter tut so, als würde er sich zu einer Ausnahme durchringen und erlaubt mir gegen einen kleinen Obolus das Abstellen. Als ich in der Parkgarage um die Ecke biege, stehen dort schon etliche Zweiräder. Es ist, als parken sämtliche Moped-Kuriere des Viertels in dieser Garage.

Im Internet finde ich später am Abend die Seite eines ungarischen Simson-Klubs. Die Ungarn mögen den kleinen Vogel scheinbar wirklich gerne. Nur leider ist die ungarische Sprache für mich, auch nur ansatzweise nicht zu verstehen. Der Hostel-Mitarbeiter ist in mein Moped-Problem eingeweiht und übersetzt einige der Seiten. Er verspricht, am nächsten Morgen, einige der Telefonnummern, die auf der Seite zu finden sind, anzurufen. Als ich am nächsten Morgen vom Brötchen holen ins Hostel zurückkehre, habe ich einen Werkstatt-Termin.

Die Werkstatt befindet sich etwas außerhalb des Zentrums. Vor der Werkstatt parken bereits zwei Schwalben und auch die anderen Zweiräder sind ähnlichen Baujahres, wie meine Simson. Die Verständigung mit den beiden Inhabern (Vater und Sohn) erweist sich als einigermaßen schwierig. Per Zeichensprache und mit einem Englisch-Deutsch-Mix versuche ich dem Junior mein Pfeifproblem näher zu bringen. Der Senior ist da mehr praktisch veranlagt. Während ich mit Junior noch gestikuliere hat er sich draußen bereits die Schwalbe geschnappt und gestartet. Er hält sein Ohr ganz tief in Richtung Motor und nach nicht einmal zwanzig Sekunden stoppt er die Maschine und nickt wissend. Ein deutschsprachiger Bekannter wird angerufen und in einer Art Telefonkonferenz sondieren wir die Lage. Der Fachmann ist sich sicher: Nur ein defektes Kugellager erzeugt einen solchen Pfeifton. Wenn dem so ist, dann muss es im Getriebe sein. Alles andere wurde in Tschechien doppelt begutachtet. Heute ist Freitag und die Werkstatt bereits für den Tag ausgelastet. Da auch die anderen Zweiräder vor der Tür noch vor mir an der Reihe sind, kann ich frühesten am Dienstag mit einem Ergebnis rechnen, vielleicht Mittwoch. Ich lasse die Schwalbe gleich dort und fahre mit der Metro zurück ins Hostel.

Die nächsten Tage verbringe ich mit Sightseeing, sortiere mein Gepäck noch einmal neu, wasche Klamotten und tippe die ersten Reiseberichte. Per Pedes erkunde ich die zentralen Bereiche von Pest (das andere Donau-Ufer ist Buda). Es ist schwer, dem unglaublichen Verkehr Budapests zu entgehen. Ueberallhin scheint einen die Blechlawine zu verfolgen. Als Fußgänger hat man es zudem schwer, seinen Platz als Verkehrsteilnehmer zu behaupten. Am Samstag-Abend geht es mit einigen anderen Hostel-Gästen ins “Gödör”, einem Studenten-Club mit Live-Musik. Das Gebäude in dem der Club untergebracht ist, wurde ursprünglich als Theater geplant, dann kurz als Konferenz-Zentrum genutzt und befindet sich hauptsächlich unter der Erde. Es ist ein wenig so, als würde man im Untergeschoss des CCH in Hamburg Parties feiern. Die Bands an diesem Abend sind ausgezeichnet und die Atmosphäre ist sehr angenehm. Am Kicker spiele ich im Sturm von Clemens, einem Frankfurter, der für einige Monate bei der deutschsprachigen Zeitung in Budapest, dem “Pester Lloyd”, arbeitet. Er findet die Schwalbe-Reise interessant und will evtl. darüber schreiben. Wir vereinbaren gemeinsam das Moped von der Werkstatt abzuholen, sobald es fertig ist.

Die Tage in Budapest vergehen sehr ruhig, bis am Dienstag mein Telefon den Eingang einer SMS verkündet: “Your Motor-Bike is ready”. Ich treffe mich mit Clemens und wir fahren zusammen raus zur Werkstatt. Dort angekommen, stellt sich heraus, dass der Senior mit seiner Akustik-Diagnose recht hatte. Ein Kugellager im Getriebe war “kurz vor fest”. Wäre ich damit noch weiter gefahren, hätte das Getriebe ernsthaft Schaden nehmen können. Zusätzlich zum Austausch des Lagers haben die Beiden außerdem noch eine komplette Inspektion der Schwalbe durchgeführt. Die Dritte für die Simson innerhalb weniger Tage. Dennoch gab es noch etwas zu verbessern: Eine Glühlampe wurde ausgetauscht, die Bowdenzüge nachgestellt und der Tacho repariert. Die Probefahrt fällt zufriedenstellend aus. Die Simson hört sich wieder an wie eine Schwalbe.

Unter Einsatz seines Lebens knipst der rasende Reporter vom Pester-Lloyd noch schnell ein paar Bilder. Als Fußgänger ist man auf Ungarns Straßen einfach ohne Rechte. Diesmal komme ich um eine richtige Bezahlung der Werkstattleistungen nicht herum. Aber diese Rechnung begleiche ich gerne, denn dass Problem scheint diesmal wirklich bei der Wurzel gepackt zu sein. Und außerdem haben die Beiden schon von ganz alleine einen Aufkleber auf der Schwalbe platziert.

Am nächsten Morgen bin ich noch einmal mit Clemens verabredet, um einige Fotos mit dem
bepackten Krad zu machen. Die Sonne scheint und das ungarische Parlament gibt eine schöne Kulisse für die Schwalbe-Bilder. Gegen 12 Uhr rolle ich dann aus der Stadt. Mein Ziel für heute ist Ungarns zweitgrößte Stadt Szeged, kurz vor der Grenze zu Serbien. Es ist recht kühl, aber die Sonne scheint und das fahren ist angenehm. Die Schwalbe hat wieder richtig Zug und die wenigen Hügel auf dem Weg nach Süden überfliegen wir ohne den vorher nötigen Gangwechsel. Von Autofahrern, die mich überholen, bekomme ich immer wieder den erhobenen Daumen gezeigt. Und auch in den Ortschaften werde ich häufig auf die Schwalbe angesprochen. Früher muss es hier viele Schwalben gegeben haben und die Ungarn scheinen eine innige Beziehung zu ihrer “Fecske” (Schwalbe) entwickelt zu haben.

Szeged entpuppt sich als charmantes Städtchen mit einer schönen Altstadt und vielen kleinen und einem großen Park mitten in der Stadt. Der Campingplatz, den ich mir im Internet rausgesucht habe, hat leider seit dem 30. September geschlossen. Heute ist der 01. Oktober. Zurück in der Stadt parke ich das Moped am Rande der Fußgängerzone und folge den Schildern zu einer Touristen-Information. Ohne die Info zu finden, laufe ich dreimal die Straße rauf und wieder runter. Ich frage in einem Buchladen und erfahre, dass die Information gleich nebenan ist. Einfach nur durch einen Blumenladen, am Ende die Treppe hoch und dann links. Ach so. Die Dame hinterm Info-Tresen vermittelt mir eine private Pension etwas außerhalb. Sie liegt für mich günstig entlang der Straße in Richtung Serbien.

Im Fernsehen gibt es Abends das Champions-League Spiel Werder gegen Inter und in der Minibar findet sich ein kühles Bier. Perfekt. Da die Pension auch ohne Frühstück schon teuer genug ist, verzichte ich darauf und halte am Ortsausgang beim, hier zu jeder Ortschaft gehörenden, Penny Market. Für die letzten ungarischen Forint gibt es einen kleinen Vorrat an Brot, Käse, Wurst und Wasser.

Nur wenige Kilometer die Landstraße entlang Richtung Serbien komme ich an einen Kreisverkehr. Nach Links geht es auf eine Tankstelle, nach Rechts auf die Autobahn nach Novi Sad, Serbien. Die Landstraße geradeaus endet in einer Sackgasse. Der Grenzübertritt ist nur über die Autobahn möglich? Die Trucker an der Tankstelle bestätigen mir diese Vermutung. Also gut, zum zweiten mal auf dieser Reise begebe ich mich auf die Autobahn. Diesmal aber absichtlich. Wie machen das die Fußgänger und Fahrradfahrer? Nach ca. zwei Kilometern komme ich an die Grenze. Hier muss ich zum ersten Mal auf dieser Reise meinen Pass vorzeigen. Die ungarischen Zöllner sind ganz begeistert und reichen den Pass bei den Kollegen rum. Ich verstehe immer nur wieder die Worte “Hamburg” und “Simson”. Die Kollegen der serbischen Seite ziehen nur kurz die Augenbrauen hoch und wollen wissen, wo es hingeht. Nach Belgrad? Damit? “Not possible, good luck”.

Ungarn ist ein echtes Schwalbe-Land. Jeder scheint das Moped zu kennen und viele verbinden positive Erinnerungen damit. Viele Zweiradwerkstätten scheinen sich mit der Simson-Technik bestens auszukennen und an Ersatzteilen mangelt es auch nicht. Ungarn - das perfekte Ziel für einen kurzen Ausflug mit der Schwalbe.

11. Tag
Nové Zámky - Budapest

12. - 16. Tag
Budapest

17. Tag
Budapest - Szeged



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5 Kommentare bisher, Kommentar hinterlassen?

  1. Christian

    Das warten lohnt sich! Fast jeden Abend schau ich kurz nach ob es was Neues auf der slow way down Seite gibt! Super beschrieben, da kommt Fernweh auf! Nur eins, wenn ich das richtig verfolge müsste du jetzt in Istanbul sein, aber dieser Bericht endet in Serbien…! Trotz allem weiterhin eine schöne und Komplikationslohse Reise! Ich freue mich auf weitere spannende Berichte!
    Christian

  2. broti

    Auch mich hat um 00.49 Uhr der RSS-Ticker aufgeschreckt! Gut zu hören, daß es Dir und der auch der Schwalbe gut geht, Florian! Da es weder in Hamburg noch in Deutschland etwas richtig wichtig neues gibt (es sei denn, Du hast - äh, hattest - ein richtig fettes Aktien-Depot) kann ich Dir nur sagen: Flieg´ mit der Schwalbe gen Süden und genieße die Reise weiterhin! Vielen Dank für den superlangen und unterhaltsam-spannenden Reisereport!

  3. Jeani

    Da kann ich Christian und Broti nur zustimmen…
    Weiterhin gute Fahrt wünscht
    Jeani

  4. Jo

    Heyho Flo!

    Weiterhin viel Glück auf deiner Fahrt…. Es macht sehr viel Spaß deine Einträge zu lesen, toll was du schreibst und WIE du schreibst!
    Ich hoffe, die MEISE is watching you!
    lotta erzählt immer noch von dir und deinem Abschied (”Flo ist Urlaub”)! Für sie ist Fernsehen “Flo gucken”…schwierig ihr zu erklären, dass du nicht jeden Tag im TV bist;-))

    Wir denken an dich,
    drück dich
    Jo

  5. GGIR

    Für Deine Weiterreise morgen alles Gute und weiterhin nur positive Begegnungen.
    Allzeit gute Fahrt wünscht Dir GGIR.

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