slowwaydown.com - Mit dem Moped von Hamburg nach Kapstadt

Unter Bikern in Serbien

An der ersten Ausfahrt vom Autoput fahre ich runter und finde eine schöne Strecke über kleine Straßen. Die Vojvodina ist eine ländliche Gegend. Weite Felder erstrecken sich über die nur leicht hügelige Landschaft. Auf den Straßen herrscht reger landwirtschaftlicher Verkehr. Die vielen Pferdewagen geben einem das Gefühl, in der Zeit zurück gereist zu sein. Es sind viele Menschen auf den Feldern. Das schöne Wetter wird genutzt, um die letzte Ernte einzufahren oder die bereits gemähten Felder abzubrennen. Die Pferdewagen und die, hauptsächlich mit Rüben, schwer beladenen Traktor-Gespanne bescheren mir ein ungewohntes Fahrvergnügen. Ich kann jetzt auch mal überholen.

Die Fahrt nach Belgrad unterbreche ich nur mit wenigen kurzen Pausen und einem Tankstopp 60 Kilometer vor der Hauptstadt. Als ich in die Stadt rolle, beginnt es bereits zu dämmern. Auch in Belgrad war ich bei einer früheren Reise schon einmal in einem Hostel und versuche dieses anzusteuern. Das gelingt mir auch auf anhieb, allerdings existiert auch dieses Hostel nicht mehr. Das Hostelgeschäft scheint ein Kurzlebiges zu sein. Eine Frau vor dem Haus erklärt mir, dass es die Herberge noch gibt, sie aber umgezogen ist. Der Wegbeschreibung nach, ist es ganz in der Nähe. Dennoch finde ich es nicht und irre ein wenig durch die Gegend. Bei einem Ampelstopp hält ein Moped neben mir. Nach kurzem “woher und wohin” bietet der Fahrer mir an, mich zu dem gesuchten Hostel zu leiten: “Just follow!” Der freundliche Moped-Guide heißt Lazar und gibt mir noch seine E-Mail Adresse für den Fall, dass ich in Belgrad erneut Hilfe brauche.

Das Hostel ist nur wenig besucht. Den Abend lasse ich bei Cevapcici und Bier ausklingen und falle in einen komatösen Schlaf. Die Erkältung, die sich bereits in Budapest angekündigt hat, hat nun voll zugeschlagen. Am nächsten Tag schlafe ich bis 11 Uhr und fühle mich nun richtig krank. Ich bezahle das Hostel für eine weitere Nacht und setze mich den Rest des Tages mit einem Buch in den Park. Das Wetter ist super. Zum ersten Mal richtiger Sommer auf dieser Reise. Bei diesem Wetter wäre ich gerne weitergefahren. Abends um halb Sieben lege ich mich auf mein Bett, um einige Reisenotizen zu machen und schlafe sofort ein. Als ich nach über 12 Stunden wieder aufwache, ist die Erkältung fühlbar besser. Schlafen ist die beste Medizin.

Draußen regnet es. Ich packe trotzdem alles zusammen und belade die Schwalbe. Als ich fertig bin und losfahren will, hört es tatsächlich zu regnen auf. Nach Gefühl navigiere ich aus der Stadt und verfahre mich prompt. Ich folge einige Kilometer einer Straße, die in einer Sackgasse endet. Fast noch in Sichtweite des Zentrums der Metropole Belgrad bin ich hier in einer dörflichen Idylle gelandet. Der zweite Versuch Belgrad zu verlassen gelingt und ich treffe außerhalb der Stadt wieder auf die Donau. Noch ist es trocken, aber es sieht bedrohlich nach Regen aus. Die Landschaft um mich herum liegt in dichtem Nebel. Im Dunst vor mir tauchen auf einmal zwei Elefanten auf. Eine solche Begegnung hatte ich eigentlich erst später auf meiner Reise erwartet. Eine Firma, die Kunststoff-Swimmingpools herstellt, hat die zwei Dickhäuter an die Straße gestellt, um zu zeigen, was mit dem Swimmingpool-Werkstoff noch so alles möglich ist.

Ich komme recht schnell voran und nach ungefähr einer Stunde beginnt es wieder zu regnen. Ich beschließe im Regen weiter bis nach Jagodina zu fahren. Das ist ungefähr die Hälfte der Strecke nach Nis, die ich mir für heute vorgenommen habe. Hier will ich kurz etwas essen und dann weiter fahren. Ich fahre langsam durch die Stadt und halte nach einem Café oder kleinen Restaurant Ausschau. Neben mir hält ein Auto und der Fahrer spricht mich auf serbisch an. Ich signalisiere ihm, dass ich nichts verstehe und er wechselt zu Deutsch: “Brauchst Du Hilfe?” “Nein, vielen Dank. Ich will nur etwas essen.” “Das kannst Du bei mir im Café. Folge mir.”

Sein kleines Café heißt “Café Bree” und liegt an der Hauptstraße mitten in der Stadt. Er lädt mich zu einem Kaffee ein und ist sehr interessiert an der Reise. Bei kurzen Begegnungen am Wegesrand, habe ich es mir angewöhnt, erst einmal immer bloß Istanbul als mein Reiseziel anzugeben. Das erstaunt die Menschen auch so schon genug und sorgt für ausreichend Gesprächsstoff. So berichte ich auch im Café von meinen Reiseplänen nach Istanbul. Der Cafébesitzer heißt Stephan und hat einige Jahre in Österreich gearbeitet und spricht ausgezeichnet Deutsch. Da der Regen immer heftiger wird, bietet er mir mehrfach an, bei ihm zu übernachten. Er ist auch Motorradfahrer und sieht es geradezu als seine Pflicht an, mir zu helfen.

Die Zeit im “Bree” vergeht wie im Fluge. Irgendwann wird mir klar, dass ich es heute nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit bis nach Nis schaffe. Stephan erneuert sein Angebot eines Übernachtungsplatzes und ich willige schließlich ein. Hinter dem Café befindet sich ein altes kleines Häuschen, dass Stephan gerade gekauft hat, es aber noch nicht nutzt. Hier kann ich schlafen. Inzwischen ist im Café der Vorsitzende des örtlichen Motorrad-Clubs eingetroffen. Da ich ja nun hier übernachte, laden Stephan und der Vorsitzende mich ein, sie heute Abend zu begleiten. Sie wollen zu einer Biker-Party eines befreundeten Motorradclubs.

Gegen 19 Uhr fahren wir im Auto des Vorsitzenden über den Autoput zur Party. Die Gäste der Feier sind überwiegend Biker, wie sie im Buche stehen. Lange Haare, Tätowierungen und Biker-Kutten. Der Chef des örtlichen Clubs empfängt uns herzlich. Es gibt Freibier und Spanferkel. Der Anlass der Party ist es, Spenden für einen krebskranken Jungen aus der Stadt zu sammeln. Alle sind unglaublich freundlich und die Stimmung ist sehr herzlich. Ich werde aufgenommen, wie ein richtiger Biker-Kollege. Auch die Tatsache, dass ich “nur” mit einem Moped unterwegs bin, ändert daran nichts. Später tritt dann noch eine Band mit Metal- und Rock-Coversongs auf und ich muss mehrmals für ein Foto mit einem Tito-Portrait posieren. Gegen Mitternacht brechen wir wieder nach Jagodina auf. Ein sehr netter Abend.

Das, für den nächsten Tag angekündigte, schöne Wetter bleibt leider aus. Es regnet noch immer in Strömen. Stephan lädt mich ein, so lange zu bleiben, wie ich möchte. Er versucht sogar, mir meine Türkei-Pläne auszureden und mich zu überzeugen, meinen Urlaub in Serbien zu verbringen. Ich bleibe noch eine weitere Nacht. Am Montag ist das Wetter besser. Die Sonne scheint und es ist an der Zeit, mich zu verabschieden. Ich muss versprechen, auf der Rückreise wieder im “Café Bree” vorbeizuschauen und bereue es, nicht meine tatsächlichen Reisepläne verraten zu haben. Ausgestattet mit einer Telefonnummer eines Motorrad-Clubs aus Sofia verlasse ich Jagodina und die unglaublichen netten und gastfreundlichen Menschen im “Café Bree”.

Bei schönem Wetter fahre ich die Landstraße entlang nach Nis. Die Landschaft wird stetig bergiger und auf den Gipfeln im Süden liegt bereits Schnee. Von Nis geht es ostwärts in Richtung Bulgarien. Die Strecke führt durch einen Canyon entlang des Flusses Nisava. Nachdem die Straße den Canyon verlassen hat, sind es noch etwa 50 Kilometer bis zur serbisch-bulgarischen Grenze. Die serbischen Grenzer wollen zum ersten Mal auf dieser Reise die Fahrzeugpapiere sehen. Beim ersten Kontrollhäuschen auf bulgarischer Seite erhalte ich einen USB-Stick, den ich nun von Checkpoint zu Checkpoint tragen muss. Früher musste man hier wahrscheinlich Stempel auf kleinen Zettelchen sammeln, heute geht das digital. Die Zollabfertigung besteht aus einem Smalltalk mit der anwesenden Zollmannschaft. Dass jemand mit einem Moped aus Deutschland hier durchkommt, hat bisher noch keiner von ihnen erlebt. Nachdem ich am letzten Grenzhäuschen den USB-Stick endgültig wieder abgebe, befinde ich mich wieder in der EU. Bis nach Sofia sind es jetzt nur noch 50 Kilometer.

18. Tag
Szeged - Belgrad

19. Tag
Belgrad

20. Tag
Belgrad - Jagodina

21. Tag
Jagodina

22. Tag
Jagodina - Sofia



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5 Kommentare bisher, Kommentar hinterlassen?

  1. broti

    Oh ja! :-) Jetzt jeden zweiten Tag ein so tolles Kapitel Deines Reiseberichtes! Auch wenn die Leute Dich dann für verrückt erklären (was Du vermutlich ja auch bist), sage ihnen die Wahrheit über das Ziel Deiner Reise - ihre Gastfreundschaft ist ja auch unumwunden ehrlich. Gute Reise und viel Spaß in Istanbul! :-)

  2. Gunnar

    jaaaa, weiter so! beneide dich jetzt schon um die erfahrungen! bin begeistert! weiterhin alles gute!

  3. Jeani

    Weiterhin gute Fahrt wünscht
    Jeani

  4. Morten

    Moinsen Flo,

    ich bin von Deinen Berichten begeistert und kann meinen “Vorpostern” nur zustimmen. Es macht tierisch Spaß Deine Berichte zu lesen und ich freue mich auf weitere. Ich drücke Dir die Daumen, dass es noch viel mehr Anlässe gibt, die Du dann mit uns teilen kannst.

    Keep on riding and writing ;-)

  5. May

    ich kann mich nur den anderen anschließen. deine berichte sind wirklich sehr spannend. hals und beinbruch!

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