slowwaydown.com - Mit dem Moped von Hamburg nach Kapstadt

Übers Waschbrett zum Mt. Kenya

Um Punkt 8 Uhr verlasse ich am Neujahrsmorgen Moyale. Im Ort ist noch nicht viel los. Die Silvester-Party war wohl, wie angekündigt, rauschend. Die Piste beginnt tatsächlich miserabel, bessert sich aber bald. Meine anfängliche Nervosität legt sich schnell und die Vorsicht auf den ersten Kilometern weicht schnell einer zügigen und beherzten Fahrweise. Mit 50 km/h rausche ich über die Piste. Die Bodenwellen sind weit entfernt vom vielbeschriebenen Waschbrett und große Steine eher selten. Dies soll die gefürchtete Piste sein, vor der mich alle gewarnt haben?

Optimistisch, die 250 Kilometer bis Marsabit in weit weniger, als den 10 Stunden bis zur Dämmerung zu schaffen, gebe ich ordentlich Gas und genieße die Off-Road Sause. Es geht anfänglich viel bergab und an einem etwas steileren Stück wird es plötzlich sandig. Das Moped gerät ins Schlingern und wild mit dem Lenker rudernd, schleudere ich von einer Pistenseite zur anderen bis es mich schließlich hinhaut. Mein erster Sturz. Glücklicherweise geht es glimpflich aus. Lediglich die Schwalbe hat etwas abbekommen. Das Blech der Frontschürze und das rechte Trittbrett sind verbogen. Alles nicht weiter wild, nur dass sich das Trittbrett jetzt so weit nach oben wölbt, dass sich die Bremse nur noch zur Hälfte durchtreten lässt. Mit einem großen Stein verschaffe ich dem Bremspedal wieder mehr Bewegungsfreiheit und setze meinen Weg - jetzt wieder mit der nötigen Vorsicht - weiter fort.

Obwohl es noch früh ist, ist es schon unerträglich heiß. Immer wieder geht der Griff zur Wasserflasche, die ich schon bald aus dem Wassersack nachfüllen muss. Es dauert nicht lange und die Piste wird rapide schlechter. Tiefe Löcher tun sich auf und im Wechsel wird die Strecke mal zu einer erbarmungslosen Waschbrettpiste, mal zu einer Schotter- und Kiespiste und dann zu einem Sandkasten. Und irgendwann hat man das Gefühl, die Piste bietet alles gleichzeitig gegen einen auf. Und überall immer wieder Steine, Steine, Steine.

Anfängliche Versuche, vorsichtig alle Hindernisse zu umfahren, gebe ich schnell auf. Es ist zwecklos, es gibt keinen Weg drum herum. Das einzige, was funktioniert ist Lenker festhalten und durch … . Die Stoßdämpfer schlagen über Stunden permanent durch es dauert nicht lange, bis aus den Blasen an meinen Daumeninnenseiten Blut sickert.

Während wir über die Piste holpern warte ich nur darauf, dass es einen Schlag gibt, dass es kracht, etwas reißt, bricht, oder die ganze Fuhre einfach stehen bleibt. Für das Fahrwerk ist es, als würde es permanent mit einem Vorschlaghammer bearbeitet. Aber die Schwalbe fährt und fährt.

Etwas 70 Kilometer vor Marsabit erwischt ein Felsbrocken dann den Auspuff und die Schwalbe beginnt ohrenbetäubend laut zu schreien. Der Riss im Krümmer ist fünf Zentimeter lang. Der Riss in meinem Nervenkostüm noch länger.

Kurz vor Marsabit passiere ich die Grenze zum Marsabit-Nationalpark. Laut meinem Reiseführer soll es hier viele Elefanten geben. Der Gedanke, mit der Schwalbe dahin gefahren zu sein, wo Elefanten leben, lässt die ganzen Strapazen des Tages in den Hintergrund rücken. Nach 9,5 Stunden Fahrt ereiche ich endlich Marsabit. Ich habe Hunger und bin Müde, aber so lange es noch hell ist, ist erst einmal die Schwalbe dran. Die Blechteile müssen wieder gerade geklopft und der Krümmer zum Schweißen demontiert werden. Ansonsten hat das Moped die Tortur erstaunlich gut weggesteckt. Lediglich die Karosserie ist an der oberen Verschraubung unter der Sitzbank ausgerissen und um etwa einen Zentimeter nach hinten gewandert.

Abends beim Essen habe ich keine Kraft mehr in meinen Fingern und muss Messer und Gabel in den Fäusten halten. Nur der ständige Stromausfall rettet das Huhn mit Reiß davor, von mir förmlich inhaliert zu werden.

Am nächsten morgen bin ich früh wach, muss aber lange darauf warten, bis der Besitzer des einzigen Schweißgerätes im Ort seinen Laden aufsperrt. Um 10 Uhr ist der Riss im Krümmer versiegelt, das Rohr wieder eingebaut und das Moped bepackt. Weiter geht der wilde Ritt. Die Piste beginnt, wie sie aufgehört hat. Miserabel.

Auf Hälfte der Strecke nach Isiolo sind wieder ab und zu einige Menschen entlang der Strecke zu sehen. Meistens sind es Jungs, die abgemagerte Rinder oder Ziegen durch die trockene Landschaft treiben. Mehrmals werde ich von ihnen angehalten. Sie stehen mit einer leeren Wasserflasche winkend am Straßenrand. Äußerst vorsichtig und häufig auf Zehenspitzen stehend nach vorne gebeugt, reichen sie mir den Behälter. Mit der vollen Flasche ziehen sie sich dann schnell in die Sicherheit der Büsche zurück. Mehrmals erlebe ich auch, wie einige von weitem winken, sich dann aber erschrocken zurück ziehen, als sie sehen, dass der Fremde, der auf sie zu kommt, auch noch sehr fremd aussieht.

Genauso erschrocken bin ich, als ich die ersten Massai am Straßenrand entdecke. Nur in rote Decken gehüllt und mit auffälligem Gesichts- und Kopfschmuck stehen sie mit Speeren bewaffnet an der Strecke und sehen für den unwissenden Mopedfahrer aus, wie Krieger. Nicht das erste mal, das ich mir auf dieser Reise vorkomme, wie in einem Film. Allerdings im Richtigen.

Etwa eine halbe Stunde vor Einbruch der Dunkelheit erreiche ich das kleine Nest Archers Post. Eigentlich hatte ich vor, heute bis nach Isiolo zu holpern. Wenn die Piste nicht schlechter wird, könnte ich es mit Beginn der Dunkelheit noch schaffen. Nach kurzem Überlegen, gehe ich auf Nummer Sicher und suche mir ein Bett für die Nacht. Die Dame, die das „Hotel“ führt, wittert ihre Chance auf eine stattliche Einnahme und es beginnt ein harter Preiskampf, der keinen von uns so richtig zufrieden zurück lässt. Vielleicht hätte ich Isiolo noch probieren sollen. Als ich das Moped entlade, bemerke ich, dass der Vorderreifen platt ist. Doch die richtige Entscheidung, hier zu bleiben.

Der nächste Tag beginnt also mit Reifenflicken. Nachdem alles geflickt und das Rad wieder eingebaut ist mache ich mich auf, etwas zu frühstücken. Wieder zurück, ist der Reifen erneut platt. Also wieder von vorne. Als auch der zweite und dritte Versuch missglücken, baue ich schließlich einen neuen Schlauch ein. Und siehe da, es funktioniert.

Kurz vor Isiolo überhole ich erstmals einen PKW. So wie Seglern das Auftauchen von Möwen die nahende Küste ankündigt, signalisiert mir das kleine Auto: Asphalt in Sicht. Und tatsächlich. In Isiolo beginnt die Teerstraße. Die Freude währt aber nicht lange, nach ein paar hundert Metern ist der Vorderreifen wieder platt. Neben einer Tankstelle sind zwei Männer damit beschäftigt, Reifen zu flicken und zwölf andere schauen dabei zu. Ich beschließe, der dreizehnte Zuschauer zu werden und meinen Reifen in die Obhut der Fachleute zu geben. Der gerade erst eingesetzte neue Schlauch hat bereits schon wieder drei Löcher und schnell ist der Grund für die Pannenserie entdeckt. Der Reifen steckt voller abgebrochener Dornen. Wie dämlich, das mir das nicht aufgefallen ist.

Obwohl es noch früh am Tag ist, nehme ich mir in Isiolo ein Zimmer. Das Moped braucht ein bisschen Aufmerksamkeit. Die Bilanz der Pistentortur: Zwei Stürze, ein Riss im Krümmer, drei Risse in der Karosserie, zwei Platten, ein ausgelaufener Stoßdämpfer vorne, Rücklicht verloren, einen Blinker endgültig zerstört. Dass der Rahmen und die Schweißnähte unversehrt, alle Speichen ganz blieben und die Felgen nicht mal einen Kratzer abbekommen haben ist wirklich erstaunlich. Diese Piste ist der ultimative Materialtest. Die Schwalbe hat ihn bestanden.

Am nächsten Tag mache ich mich auf den Weg zum Fuße des Mount Kenyas. Hier will ich ein paar Tage bleiben und mich von der Pistenfahrt erholen. Kurz hinter Isiolo komme ich an einem Schild, das zur „Lewa Wildlife Conservancy“ weist, vorbei. Vielleicht könnte ich mich ja auch beim Tiere-Gucken erholen? Ein kurzer Blick in meinen Reiseführer lässt diese Hoffnung schnell verfliegen. Zutritt zu diesem Tierschutzgebiet haben nur die Gäste zweier sündhaft teurer Lodges. Rich People only - Familie Windsor war auch schon da.

In Nanyuki, nur wenige Kilometer vor dem Äquator, suche ich mir ein Zimmer für meine Erholungspause. Schnell werde ich fündig und bekomme ein Dreibettzimmer zugewiesen, obwohl ich der einzige Gast im ganzen Hotel bin. So habe ich aber ausreichend Platz, um endlich mal meine gesamten Sachen auszubreiten, durchzusehen und zu sortieren. Und vor der Tür entsteht aus der mal wieder komplett zerlegten Schwalbe langsam wieder ein richtiges Moped. Die zahlreiche Hotelbelegschaft, die immer mal wieder auf einen Schnack vorbeikommt, glaubt mir bis heute nicht, dass ich mit diesem Zweirad über die Piste von Moyale zum Mount Kenya gekommen bin.

110. Tag
Moyale – Marsabit

111. Tag
Marsabit – Archers Post

112. Tag
Archers Post – Isiolo

113. Tag
Isiolo – Nanyuki

114. - 118. Tag
Nanyuki



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11 Kommentare bisher, Kommentar hinterlassen?

  1. Jens Müller

    Hurra, erster.

    Ich verfolge seit letztem November deine Reise. Deine Erlebnisse machen mich immer etwas neidisch, aber sie zeigen dass man doch einiges mit der kleinen Suhlerin erreichen kann.

    Auch für dein Projekt wünsche ich dir viel Erfolg.

    Ich freue mich jetzt schon davon zu lesen wenn du am Tafelberg angekommen bist.

    Gute Reise und alles Gute wünscht Jens

  2. Broti

    Kenia, Äquator, all die Strapazen, all das Erlebte. Mir fehlen einfach die Worte und darum halte ich mal die Klappe zur Abwechslung. Wahnsinn, wohin Du es schon geschafft hast mit dem tapferen Moped…

  3. Enrico

    Moin,

    ich bin seit Anfang an begeisterter Leser deiner Abenteuer. Über Weihnachten war ich vier Wochen in Kapstadt, beim Hin- und Rückflug dacht ich mir immer, da unten isser irgendwo…und in der Tat sind wir direkt über dich hinweg geflogen, wie ich nachher auf deiner Seite anhand deiner Route gesehen hab.
    Ich bin auch ne ganze Zeit Schwalbe gefahren und hab mich nie weiter als 20km von Zuhause weg getraut, weil ich Angst vor nem Totalausfall hatte…unglaublich wo du jetzt steckst.
    Dann weiterhin eine gute Reise und vielen Dank für deine spannenden Berichte, irgendwann mach ich son Trip auch ma, nur nich mit nem Moped ;-)

    Gruß
    Enrico

  4. urb

    Flo du alter Groupie, erst in London an der Tür von Baden Powells Geburtshaus nen Pint geleert und nun an seinem Grab in Kenia ein Ölwechsel vollzogen. Mögen Roberts Vibes mit dir sein …

  5. Tobi

    Hi,

    Bin gerade dabei deine ausführliche Pistenbeschreibung für meine demnächst startende Reise in die Karte zu übertragen.

    Statt: “Optimistisch, die 250 Kilometer bis Moyale in weit weniger, als den 10 Stunden bis zur Dämmerung zu schaffen” müsste es heissen “bis nach Marsabit” da du doch bereits in Moyale warst.

    LG und weiter so :) Tobi

  6. Sven

    Hi Flo,

    hoffe, dass es nun klappt mit den Fotos via plugin. :)
    Tüte mir doch bitte, bei Gelegenheit, eine kleine Portion Wüstensand ein.

    Gruss Sven

  7. philli

    slowflo!
    liebe grüße aus hamburgo.
    ich bring heute deine post nach A-town.
    ben ist nun in C-town und kauft roten teppich.
    und ich freu mich immer wieder über deine krassen und fetten berichte.und die landschaftsbilder sind alle so leer, unendlich ,weit und so unbeschreiblich heftig.dat sieht alles eher aus, als ob du nich in afrika, sondern aufm mond rumschalbst. also du lustiger afrikanischer schwalben-astronaut, möge deine rakete dich heil durch die krater fahren.
    auch liebe grüße von steffi,
    wir warten am hornerkreisel uff dich.
    philli

    .

  8. ben &sista

    moin flo.
    ganz nett hier in kapstadt. aber ob man so weit mit dem mofa fahren muss… mit dem flieger war’s aber auch anstrengend! hab leider nur jetzt urlaub gekriegt und bin deswegen schon da. das zielband habe ich schon mal besorgt. wo soll ich’s spannen?
    slow down, it’s cape town!
    gruss ben.

    hey man, howzit?
    moooment - klar lohnt sichs! hau rein. ich bin noch bis 6. april in kapstadt!!! wir warten hier…
    cheers. sista L.

  9. ben &sista

    p.s.: dusche, wanne, bett, warme mahlzeit warten natuerlich ebenso. C U

    p.p.s.: benjamin entschuldigt sich fuer das “mofa” entschuldigen. er wollte deine schwalbe nicht beleidigen. aber warte mal, versteh ick nich, is doch n mofa….

  10. Fidi Neese/Schweden

    Hallo Florian!
    Maria und ich sind total begeistert und freuen uns, dass Du alles so locker wegsteckst. Wir hoffen sehr, dass es so gut weitergeht.
    Gruss Frithjof

  11. katrin

    hey flo,

    krass beeindruckt sitz ich vor der kiste und suche nach einer list, um den grad erwachten, an meiner kapuze zerrenden reisehungrigen in mir ruhig zu stellen.
    voller spannung der dinge harrend, die da noch kommen mögen,
    katrin

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