Namibia
Bereits früh am morgen sitze ich wieder auf dem Moped und fahre die restlichen 30 Kilometer bis zur Grenze. Die Tankstelle, an der ich eigentlich noch einmal günstiges Botswana-Benzin kaufen wollte, hat leider keinen Sprit mehr, dafür aber leckere Frühstücks-Sandwiches. Die Abfertigung an der Grenze ist zügig und die Zollformalitäten bestehen darin, dass ich mein Kennzeichen auf beiden Seiten der Grenze in ein großes Buch eintragen muss. Botswana befindet sich mit Namibia und Südafrika in einer Zollunion und das Carnet für das Moped kann in der Tasche bleiben. Etwas überrascht bin ich, dass ich dann auf namibischer Seite eine Bearbeitungsgebühr für das Einreisen mit eigenem Fahrzeug entrichten muss. Habe ich die Bearbeitung mit dem Eintrag ins Zollbuch nicht gerade selbst vorgenommen?
Von der Grenze sind es 100 Kilometer bis Gobabis. Hier will ich erneut versuchen Ersatz für meine in Botswana durchgebrannte Scheinwerfer-Glühlampe zu bekommen. Ab Maun habe ich es bereits in Botswana überall probiert, bin aber allerorten nur achselzuckend weiter geschickt worden. Im gutsortierten Autozubehör-Laden in Gobabis scheine ich zunächst mehr Erfolg zu haben. Der Verkäufer bestätigt mir, so eine Birne zu kennen. Na, immerhin. Grinsend fügt er aber dann hinzu, dass er so etwas vor ungefähr zwei Jahren das letzte mal gesehen hat. In einem vierzig Jahre alten Traktor.
Auf halber Strecke nach Windhoek mache ich Halt bei Ziggi. Der Holländer hat vor drei oder vier Jahren in dem kleinen Nest Witvlei eine alte Pension übernommen. Nachdem er dann bemerkt hat, was für einen defizitären Schuppen er da gekauft hat, hat er die Ärmel hochgekrempelt und aus der alten Pension ein Backpacker-Hostel und Campsite mit viel Charme gemacht. In Kürze peilt er den “Break Even” an.
Der nächste Abschnitt bis nach Windhoek ist lediglich 150 Kilometer und ich freue mich, früh in die Stadt zu kommen. Der über Mittag auffrischende Wind macht mir dabei dann aber eine Strich durch die Rechnung. Erst am frühen Nachmittag passiere ich den Flughafen von Windhoek. Für die restlichen 40 Kilometer von hier bis in die Stadt brauche ich noch mal zweieinhalb Stunden. Der Wind pfeift mir genau entgegen und wird auch noch stärker, als ich die Berge rund um die namibische Hauptstadt erreiche. Die Stadt hat ihren Namen zu Recht. Windhoek, die windige Ecke.
In Windhoek steure ich ein Hostel direkt in der Stadt an und finde einen Platz für mein Zelt auf dem kleinen Campsite im Hinterhof. Eigentlich will ich nur für zwei Nächte bleiben. Am Ende werden es derer Fünf, was eigentlich nur an der netten Atmosphäre des Hostels liegen kann. Windhoek selbst hat außer Shopping eigentlich nur Shopping zu bieten. Eigentlich die besten Vorrausetzungen für den Lampenkauf. Dennoch finde ich auch hier keine passende Glühbirne. Selbst beim ortsansässigen Bosch-Dienst bekomme ich, diesmal auf Deutsch, eine Abfuhr.
Mein nächstes Ziel ist die Atlantik-Küste. Auf meinem Weg aus der Stadt verfahre ich mich dermaßen und komme dabei durch so ziemlich sämtliche Stadtteile, vor denen mein Reiseführer so eindringlich warnt. Auf einer Teerstraße fahre ich zunächst nach Norden. In Okahandja biegt die Straße dann nach Westen ab. Ab hier habe ich wieder mit dem garstigen Wind zu kämpfen. Dieser Gegenwind ist wirklich frustrierend. Wenn man Berge hinauf kriecht, ist es wenigstens ersichtlich, weshalb man schleicht. Nach etwa 150 Kilometern komme ich kurz vor Wilhelmstal an einem Campingplatz-Schild vorbei. Ich beschließe den Tag vorzeitig zu beenden und biege links in den Busch ab. Durch ein Gatter geht es auf eine “Hofeinfahrt”. Nach 10 Kilometern rauer Piste taucht dann vor mir die Farm auf. Der Hof und der angegliederte Campsite werden von einem deutschen Ehepaar geführt und ein bayerischer Dialekt ist, zumindest bei ihr, nicht zu überhören. Nachdem die Beiden erfahren, welchen Weg ich bis Namibia hinter mir habe, sind sie der Meinung, dass mich das Tierleben rund um den Campsite ja wohl nicht stören wird. “Gestern Nacht hat der Leopard hier ein Kalb gerissen.” Na, dann ist der wenigstens satt.
Der Zeltplatz liegt etwas abseits der Farm in traumhafter Umgebung. Das Feuer unter dem Wasserkessel an der Dusche wird angeheizt und das überschüssige Holz bekomme ich für ein Lagerfeuer. Kurze Zeit später sind nicht weit entfernt Schakale zu hören. Noch vor dem Sonnenaufgang bin ich wieder wach. Nachts wird es seit einiger Zeit immer bitterkalt. Seit der Kalahari wache ich jeden morgen in der letzen Stunde vor dem Sonnenaufgang durch die Kälte auf. Erst wenn die Sonne dann über den Horizont blinzelt und ein wenig wärme liefert, schlafe ich wieder ein. Nach einer Stunde brennt dann aber die Sonne so heiß, dass ich wieder aufwache.
Nachdem ich am nächsten Morgen von der Farmer-Familie zum Frühstück eingeladen werde, bin ich erst spät wieder auf der Straße. Bis kurz hinter Usakos bleibe ich noch auf der Teerstraße, um vor dem Wind, der meist am frühen Nachmittag einsetzt, noch einige Kilometer zu machen. Dann biege ich ab ins südliche Damaraland. Vorbei an der Spitzkoppe geht es in die Namib. Die Namib hat an ihren Rändern starke Ähnlichkeit mit der Kalahari. Sandboden, bedeckt mit goldgelbem Gras. Und das, soweit das Auge reicht. Je weiter ich in Richtung der Küste komme, desto “wüstiger” wird die Umgebung. Die Vegetation nimmt langsam ab, bis irgendwann nur noch Sand zu sehen ist. Das Fahren auf der Piste macht großen Spaß und die Strecke ist in einem super Zustand. Abschnitte mit heftigem Waschbrett sind nur kurz. Immer wieder geht es durch ausgetrocknete Flussbetten, die aber lediglich sandig und ohne große Steine sind. Ich bin froh, dass ich nicht schon früher im Jahr hier längs gekommen bin. Im Februar hat es viel geregnet und Motorradfahrer, die ich unterwegs getroffen habe, haben mir erzählt, dass sie in solchen Flussdurchfahrten regelmäßig bis zum Bauchnabel im Wasser standen.
Je näher ich der Küste komme, desto mehr Wolken ziehen auf. Und als die Sonne vollständig hinter den Wolken verschwindet, wird es saukalt. Das erste mal seit der Türkei hole ich wieder meine Handschuhe raus. Als ich in Henties Bay ankomme bin ich total durchgefroren und laufe den erstbesten Campingplatz an.
In Henties Bay bin ich an der Skeleton Coast angekommen. Dieser Küstenabschnitt, der sich von Swakopmund bis an die angolanische Grenze hoch zieht, hat seinen Namen von Seefahrern früherer Zeiten erhalten. Ist ein Schiff in der tückischen Strömung vor der Küste auf Grund gelaufen, bedeutete dies für die Seeleute den sicheren Tod. Die Namib-Wüste reicht hier bis an den Atlantik und im Umkreis hunderter Kilometer gab/gibt es kein trinkbares Wasser.
Auf einer Piste aus gepresstem Salz fahre ich entlang der Küste nach Süden. Die Sonne verbirgt sich noch immer hinter Wolken und es ist bitterkalt. Immer wieder halte ich kurz, um mich aufzuwärmen und sitze dabei im Windschatten der Schwalbe frierend in der Namib. In Swakopmund nehme ich mir ein Bett in einem Mehrbettzimmer. Das Zimmer teile ich mir mit Miguel, den ich zuvor schon in Windhoek getroffen habe. Der Spanier ist mit seinem Fahrrad von Cape Town bis in den Norden Namibias geradelt. Er hat sich unterwegs ein bisschen gelangweilt, denn eigentlich arbeitet er als Mountainbike-Guide im Himalaja. Die Berge hier sind ihm einfach zu flach.
In Swakopmund ist es tatsächlich sehr deutsch. Die meisten Geschäfte haben deutsche Namen und in den Läden und Straßen wird viel Deutsch gesprochen. In einer Buchhandlung erstehe ich die letzten drei Ausgaben des Spiegel und verbringe zwei Tage mit Zeitungslektüre. Bevor ich nach drei Tagen weiterfahre, probiere ich mal wieder eine Glühbirne zu ergattern. Nach zwei Fehlversuchen werde ich dann tatsächlich fündig. Ein Laden, der chinesische Import-Motorräder verkauft, hat tatsächlich ein passendes Leuchtmittel. Der Inhaber erzählt mir, dass sie irgendwann damit angefangen haben, auch die Glühbirnen der China-Mopeds zu importieren. Ersatz in Namibia zu finden, war einfach zu schwierig.
Als ich Swakopmund verlasse, ist es mal wieder saukalt. Aber dieses Mal habe ich vorgesorgt und meine lange Unterwäsche angezogen. Die Kälte ist auf diese Weise einigermaßen erträglich. Von Swakopmund fahre ich via Walvis Bay in den Namib-Naukluft Park. Als ich nur wenige Kilometer in die Namib gefahren bin, klart das diesige Wetter auf und der Himmel ist wolkenfrei. Sofort wird es heiß. Ich muss schon bald halten und mich der warmen Kleidung entledigen. Als ich mich gerade etwas umständlich aus meiner Unterwäsche schäle, kommt ein Overland-Truck mitsamt Reisegruppe vorbei. Schön, sich vorzustellen, wie die zu Hause aus ihrem Urlaub erzählen: “Und in Namibia, da stand ein Typ bei 40 Grad in Skiunterwäsche mitten in der Namib. Und er hatte keine Schuhe an und hüpfte auf einem Bein - neben seiner Mofa”. “Bist du sicher, dass du in der Wüste nicht zu viel Sonne abgekriegt hast?”
Erst kurz vor Sonnenuntergang erreiche ich Solitaire. Das Örtchen ist ziemlich groß in meiner Karte eingezeichnet, besteht aber eigentlich nur aus einer Tankstelle und einer Lodge mit angeschlossenem Zeltplatz. Ich verbringe die Nacht auf dem Campingplatz und mache mich am nächsten Morgen früh auf nach Sesriem. In Sesriem ist der Eingang zu dem Teil des Namib-Naukluft Parks, der nur gegen Gebühr betreten werden kann. Hier befinden sich die großen Sanddünen rund um das Sossusvlei, einer Salzpfanne in der Namib. Die beste Zeit, die Dünen zu besuchen ist der Sonnenauf- und Untergang. Aber, um zu diesen Zeiten noch im Park sein zu dürfen, muss man auf dem Campsite innerhalb des Parks übernachten. Neben den hohen Campinggebühren, muss man auf diesem Platz auch noch eine horrende Grundgebühr bezahlen. Als Alleinreisender ist man da angeschmiert. Also besuche ich die Sanddünen am Nachmittag und fahre dann, erst in der untergehenden Sonne, dann in der Dunkelheit weiter, um einen anderen Campsite zu finden. Mit mir fahren noch Sven aus Hamburg und Jens aus Krefeld, die zusammen mit zwei jungen Schweizern unterwegs sind. Wir finden nach etwas Suchen einen Campingplatz etwa 25 km von Sesriem entfernt, der zwar noch gar nicht offiziell eröffnet ist, uns aber trotzdem für die Nacht aufnimmt.
Von hier aus geht es am nächsten Morgen weiter nach Helmeringhausen und von dort zum Fish River Canyon. Nachdem ich zwischendurch wieder das Vergnügen hatte, für wenige Kilometer auf einer Teerstraße fahren zu können, geht es ab Seeheim wieder auf eine Piste. Auch dieser Ort ist groß auf meiner Karte verzeichnet, besteht aber lediglich aus einem einzigen, kleinen Häuschen. Die Strecke ist jetzt ein wenig rauer und immer wieder tauchen fiese Wellblech-Abschnitte auf. Auf einem dieser Abschnitte geht der Endschalldämpfer flöten. Die Schelle ist losvibriert und die harten Erschütterungen auf dem Wellblech, haben das Endstück der Schwalben-Zigarre abgeschüttelt. Glücklicherweise finde ich alle Teile auf der staubigen Straße wieder und nach kurzer Unterbrechung geht die Fahrt weiter.
Der Fish River Canyon ist soetwas, wie der kleine Bruder des Grand Canyon in den USA. Diese Landschaft ist in Afrika einmalig und die tiefe Schlucht bildet einen beeindruckenden Kontrast zu der Wüsteszenerie West-Namibias. Erst schaue ich mir den Canyon von oben aus an, um dann nach Ai Ais in die Schlucht hineinzufahren. In diesem kleinen Ort mitten im Canyon gibt es die einzige Tankstelle in der Umgebung. Nachdem ich die steile Straße zurück nach oben geschlichen bin, sind es nur noch etwa zwei Stunden bis zur Grenze nach Südafrika. In dem Grenzort Noordoewer nehme ich mir ein Zimmer in einem Bed & Breakfast. Namibia hatte ich ursprünglich gar nicht auf meiner Route eingeplant. Ich bin aber froh, diesen Schlenker gemacht habe zu haben. Die Landschaft und die unglaubliche Weite dieses Landes hat mich beeindruckt.
Am nächsten morgen stehe ich früh am Grenzhäuschen und freue mich, dass auch der letzte Grenzübertritt auf dem Moped völlig reibungslos und unkompliziert über die Bühne geht. Um 9:00 ist der letzte Stempel im Pass und ich rolle vom Zollhof. Ich bin in Südafrika.
227. Tag
30 km östlich der namib. Grenze - Witvlei
228. Tag
Witvlei - Windhoek
229. - 233. Tag
Windhoek
234. Tag
Windhoek - Wilhelmstal
235. Tag
Wilhelmstal - Henties Bay
236. Tag
Henties Bay - Swakopmund
237. - 238. Tag
Swakopmund
239. Tag
Swakopmund - Solitaire
240. Tag
Solitaire - 25 km nordöstlich Sesriem
241. Tag
25 km nordöstlich Sesriem - Helmeringhausen
242. Tag
Helmeringhausen - Fish River Canyon
243. Tag
Fish River Canyon
244. Tag
Fish River Canyon - Noordoewer
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8 Kommentare bisher, Kommentar hinterlassen?
Broti
Wow, was für wundervolle Photos! Das war ja wirklich nochmal ein richtiges Hightlight Deiner Reise! Danke für den tollen Bericht - ich freue mich jetzt schon richtig aufs Buch!
Liebe Grüße nach Kapstadt,
Peter
21. Mai 2009
Wringler
Wiedermal ein schön langer Text mit wundervollen neuen Bildern!
Ich hoffe auch das davon ein Buch wird!
Weiterhin noch viel Erfolg auf deiner Reise, möge deine Schwalbe auch die letzten Kilometer noch tapfer durchhalten!
Grüße aus dem sonnigen Deutschland,
Felix
21. Mai 2009
Bernd
Hallo Florian,
einfach gigantisch Dein Bericht.
Bin sehr gespannt, was aus Deiner Schwalbe wird? Oder gibt es noch einen slow way up? Sie hätte einen Platz im Museum verdient.
Hoffentlich gibts ein Buch und evtl. auch Vorträge?
Mich würden weitere Detailinfos (Schwachpunkte der Schwalbe, Thema Sicherheit, Geldnachschub, Krankheiten) noch sehr interessieren.
Ich ziehe den Hut vor Dir.
Bernd
22. Mai 2009
Ben
hi florian,
yesyesyes kaum zu glauben, du schaffsts! Gaanz großes Format aber hutab.
22. Mai 2009
Jörg
Hallo Florian!!!
Ich bin leider erst Heute am 23.05 erst auf deine Aktion aufmerksam geworden (durch ersatzteilsuche bei AFK für meine Simme).Ich bin voll beindruckt wie du das meisterst. Da kann ich mir nur meinen Vorredednern anschließen und sagen da kommt Fernweh auf.Ich habe heute den halben Abend zugebracht dein Reisebericht zu lesen und finde dein Mut super. Du hast sicherlich viel Erlebt und ich wünsche dir von ganzen Herzen das du wieder Heil zu Hause ankommst.
Hochachtungsvoll Jörg
P.s. Wenn ein Buch dabei rauskommt gib mir bescheidt, das möchte ich haben ,denn ich bin Simson Fan.
23. Mai 2009
GGIR
Hallo Florian,
sind in Greifswald zu besuch und haben gemeinsam mit Gregor und
Karin Deinen Namibiabericht gelesen. Sind beeindruckt von Dir und
Deiner Schwalbe. Superleistung! Herzliche Grüße und Glückwunsch von Karin und Gregor.
Und auch von uns herzliche Grüße(haben Deine SMS bezügl.
Rückkehr erhalten). SAR + GGIR
23. Mai 2009
Ulrike Leugering
Hallo Florian, tolle Leistung! Wir erwarten Dich in Kapstadt! Liebe Grüsse aus Cape Town
Ulrike
PS: Wir verfolgen Deinen Weg und wünschen Dir alles Gute!
24. Mai 2009
Jens Wuckelt
Ich finde dein Vorhaben absolute Spitze, setzt es doch jede Menge Selbstvertrauen voraus! Ich selbst möchte gern mit einigen anderen SIMSON- begeisterten eine fahrt nach Bulgariens Schwarzmeerküste unternehmen. Bin allerdings schon 43…
29. August 2009
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